Silversea: «Als Marktführer muss man auch Risiken eingehen können.»

Barbara Muckermann spricht im TRAVEL INSIDE-Interview über das neue Wellness-Konzept der Silversea Cruises.
Barbara Muckermann © Silversea Cruises

Auf der Silver Moon, dem jüngsten Schiff von Silversea Cruises, geniessen die Gäste ein gastronomisches Angebot, das ihnen die bereisten Regionen kulinarisch näherbringt. Noch in der Entwicklungsphase ist ein Wellness-Konzept, das Luxus und Komfort auf See noch mehr steigern soll.

Barbara Muckermann, Chief Commercial Officer von Silversea Cruises, gab an Bord der Silver Moon während einer Reise in der Ägäis einen Einblick in das Komfort-Programm und schildert im Interview mit TRAVEL INSIDE die Hintergründe und weiteren Entwicklungen innerhalb der Luxusreederei.


Barbara Muckermann, Sie nennen ihr neues Wellness-Programm ‚Otium‘. Ein ungewöhnlicher Name. Wie kamen Sie darauf?

José M. Vuolo, unser Creative Director, kam darauf. Wir haben mit rund 20 Personen aus dem Team ein Brainstorming gemacht und nach einem Namen gesucht, das den Fokus aufs Verwöhnen und Geniessen des Moments legt. Da meinte José, das sei die Definition von Otium, dem römischen Wort für das Fehlen von Arbeit, also dem Gegensatz von Negotium. Und unser mediterrane Lifestyle geht ja in vielem auf die Griechen und Römer zurück. Deshalb macht ein römischer Name durchaus Sinn.

Das Otium-Angebot besteht aus kulinarischen Köstlichkeiten, exklusiven Matratzen und edler Bettwäsche, speziellen Düften für Raum und Bad sowie besonders wohltuenden Spa-Treatments. Was ist an so einem Programm wichtiger, die Hardware wie die Cashmere-Decken oder die Software in Form von personalisierten Massagen?

Auf Kreuzfahrtschiffen wachsen beide zusammen. Auf der Silver Dawn, wo Otium eingeführt wird, werden die Gäste wohl erst die Software spüren, weil alles einfach passiert, ohne dass sie etwas dazu tun müssen. Der Spa wird mit Blick auf das Otium-Programm aber bereits angepasst. In Zukunft wird die Hardware im Zentrum stehen. Auf dem nächsten Schiff, der Evolution, die in ein paar Monaten angekündigt und 2023 in den Dienst gestellt wird, werden wir andere architektonische Möglichkeiten für den Spa haben.

Werden Sie Otium auf allen Schiffen einführen?

Wir starten mit neuen Produktentwicklungen jeweils von einem einzigen Schiff aus. Das kulinarische Programm ‚Sea and Land Taste‘, kurz S.A.L.T., ist jetzt auf der Silver Moon eingeführt worden und wird auch auf der Silver Dawn angeboten werden. Mit dem Programm Otium starten wir auf der Silver Dawn, die im nächsten Frühling in See sticht.

Wenn es gut funktioniert, wie wir uns dies vorstellen, werden wir es auf die ganzen Flotte ausweiten. Dies ist einfach, denn die meisten Elemente von Otium sind in den Suiten zu finden. Und die Treatments können gut wir im Spa anbieten. Der genaue Zeitplan steht noch nicht fest, doch ich nehme an, dass wir Otium in den nächsten zwei bis drei Jahren auf der ganzen Flotte einführen.

Sind neue Produktentwicklungen wie Otium für eine renommierte und weltbekannte Marke wie Silversea überhaupt nötig, oder geht es eher darum, den Spitzenplatz auszubauen?

Beides. Als Marktführer muss man sich stetig weiterentwickeln – und man muss auch Risiken eingehen können. S.A.L.T. etwa war nicht gegeben, denn nicht alle sind verrückt danach, jeden Abend griechische Küche zu geniessen. Entwicklungen entstehen immer daraus, die Gäste zu verstehen. Als Silversea 1994 gegründet wurde, war die Zielgruppe eine Generation, die noch Hunger und Krieg erlebt hatte und das Schiff gerne als Schutzhülle nutzte, um die Welt zu entdecken. Wenn diese Gäste von ihren Landausflügen zurückkamen, wollten sie ihr amerikanisches Rind und ihren amerikanischen Kaffee.

Unsere heutigen Gäste aber sind die Boomers, die mehr Mauern fallen als wachsen gesehen haben. Sie wollen den Kulturen nicht mehr entfliehen, sondern in sie eintauchen und das Essen auf der Strasse ausprobieren. Dies hat uns zu S.A.L.T. gebracht. Für Otium gilt dasselbe. Die herkömmlichen Angebote auf See zielen darauf ab, Gewicht und Falten zu verlieren und fitter zu werden. Die heutigen Gäste aber möchten einfach eine tolle Zeit haben. Otium steht deshalb nicht für Schneckenöl, sondern dafür, eine wunderbare Massage mit einem angenehmen Duft zu bekommen und dann in einem weichen Bademantel gehüllt feine Schokolade zu geniessen.

Wie lange werden Sie diese Programme beibehalten?

Silversea glaubt mehr an Entwicklung als an Umwälzungen, wir bewegen uns langsam. In den 25 Jahren unseres Bestehens haben wir nur viermal die Spas verändert. Ich sehe also keinen Grund, weshalb Otium eine kürzere Lebensdauer haben sollte. Gäste kommen auch nicht der Innovationen wegen, sondern einfach, um schöne Ferien zu geniessen.

Mit dem Programm S.A.L.T. holen Sie die regionale Küche an Bord, bieten Vorträge und Kochkurse an sowie Landausflüge zu regionalen kulinarischen Highlights. Stellen Sie dafür Köche aus den bereisten Regionen ein?

Wir haben zwei Schlüsselfiguren. Eine ist der S.A.L.T.-Gastgeber, der für das Programm verantwortlich ist. Diese Person organisiert die Vorträge, die Landausflüge, die Präsentationen und Kochkurse in unserem S.A.L.T.-Lab. Dazu kommt jeweils eine Gastrednerin oder einen Gastredner. Auf jeder Kreuzfahrt sollte eine kulinarische Fachperson an Bord kommen und die jeweilige Küche den Gästen näherbringen – sei dies ein Produzent, ein Koch oder ein Autor. Wegen der Pandemie ist dies leider zurzeit nicht möglich.

Möchten Sie mit den neuen Produkten ihre Stammgäste überraschen oder neue Gäste dazu gewinnen?

Unsere Stammgäste wollen nicht überrascht werden, sie freuen sich immer darauf, alles so vorzufinden wie beim letzten Mal. S.A.L.T. und vor allem Otium richten sich an neue Gäste, denn es trägt dazu bei, unseren ‚Flüsterluxus‘, wie wir ihn nennen, besser zu verstehen. Das Produkt hilft dem Reiseberater dabei, uns zu beschreiben.

Für ein brandneues Schiff ist die Silver Moon sehr klassisch gebaut.

Ja, wir bewegen uns wie bereits erwähnt langsam. Wenn immer wir einen Architekten oder Designer briefen, nenne ich dieses Beispiel: Es gibt zwei verschiedene Sorten von Hotels: die Four Seasons und die W’s. Die einen sind Destinationen, hip und architektonisch auffallend, wo man ein Wochenende verbringt. Die Four Seasons dagegen sind alle in beige gehalten, weil die Gäste da im Mittelpunkt stehen und nicht der Glanz des Gebäudes. Silversea ist wie Four Seasons.

Das Theater ist, wie auf alten Schiffen, nicht mehrstöckig.

Das hat mit der architektonischen Aufteilung zu tun. Bei uns ist sie vertikal. Alle Kabinen sind vorne, die öffentlichen Räume hinten. Dadurch ist es in den Kabinen und Korridoren sehr ruhig, so, wie es unsere Gäste mögen. Andere Schiffe haben das horizontale Design. Dort sind einige Decks mit öffentlichen Räumen und auf anderen gibt es ausschliesslich Kabinen. Dadurch lassen sich höhere Räume bauen. Unsere nächste Generation von Schiffen wird auch so sein.

Und wie steht es mit der Plattform für den Wassersport am Heck?

Das ist ein Marketing-Ding. Ein Schiff braucht immer zwei Seiten, um auch bei schlechten Wetterverhältnissen zu funktionieren. Liegt das Schiff wie heute vor Anker und der Wind bläst auf einer Seite, kann man auf der anderen Seite mit Tendern aus- und einsteigen.

Eine Plattform am Heck wird bei den hiesigen Wetterverhältnissen in neun von zehn Fällen nicht nutzbar sein. Sie sieht also schön aus in einer Broschüre, kann aber nur wenige Tage pro Jahr genutzt werden. Wir haben deshalb nur ein Schiff mit Heckplattform: die neue Silver Origin, ein kleineres Schiff, das ausschliesslich rund um die Galapagos-Inseln kreuzt. Dort gibt es nicht so viel Wind wie etwa im Mittelmeer.

Ihre Digitalisierung an Bord ist sehr weit fortgeschritten. Selbst die Menus der acht Restaurants finden die Gäste nur noch auf dem Smart TV in der Suite. Passt dies zu Ihrer Gästegruppe?

Die digitalen Informationen sind durch Covid entstanden, weil wir die Mengen an Papier in den Suiten reduzieren wollten. Ich weiss nicht, wie sich dies entwickeln wird. Bislang hat es funktioniert und wir können uns auch vorstellen, iPads einzuführen. Doch wir lassen die Gäste entscheiden. Wenn sie lieber Papier haben möchten, kehren wir zu gedruckten Menus zurück.

(Interview: Gabrielle Attinger, Ägäis)


Barbara Muckermann

Barbara Muckermann ist Chief Commercial Officer von Silversea Cruises. Sie kam im Oktober 2001 zu Silversea Cruises und verliess das Unternehmen im Jahr 2005 als SVP Global Marketing and European Sales.

2016 kehrte sie als Chief Marketing Officer zu Silversea Cruises zurück, nachdem sie bei verschiedenen Luxus- und Kreuzfahrtmarken im strategischen Marketing tätig gewesen war – darunter Loro Piana, NCL und MSC. Sie war auch die frühere Vorsitzende des Reputationskomitees von CLIA und kümmerte sich in der kritischen Zeit des Costa Concordia-Unglücks um den Ruf des Verbandes.

Barbara Muckermann hat in Politik- und Wirtschaftswissenschaften promoviert und verfügt über einen gemeinsamen MBA der London Business School und der Columbia University.