Opinion: Lässt der Bund die Reisebranche fallen?

Wie geht es mit der Reisebranche weiter: Müssen nach dem Ausbleiben von Finanzhilfen weitere Entlassungen ausgesprochen werden? Werden viele kleine Betriebe den Winter nicht überstehen?
Angelo Heuberger, Chefredaktor TRAVEL INSIDE

Eine leise Enttäuschung kann die Reisebranche nicht verbergen: Der Bundesrat hat zwar den Rechtsstillstand bis Ende Jahr verlängert, aber darüber hinaus weitere Hilfen vertagt. Man kann dies einerseits ob der gewaltigen Signalwirkung für viele andere darliegende Branchen verstehen, anderseits aber auch als etwas mutlos werten.

Ganz offensichtlich will oder kann sich der Bundesrat – und dies obschon vier (!) Bundesräte das Gespräch mit der Branche geführt haben – nicht zu weiteren Entscheidungen zur Unterstützung von sogenannten Härtefällen durchringen. Es wird auch vermutet, dass die Meinungen anlässlich der Sitzung vom 26. 8. innerhalb der Bundesräte unterschiedlich waren und deshalb keine Einigung bezüglich Reisebüros zustande gekommen ist. Nun wird das Parlament in den kommenden Sessionen im September und Oktober hoffentlich darüber befinden.

Die Verlängerung des Rechtsstillstandes – immerhin eine leichte Verschnaufpause – war allgemein erwartet worden, diese ist indes auf der ‚Wunschliste‘ der drei Branchenverbände erst an vierter Stelle gelistet.

An erster Stelle stand oder steht noch immer die Forderung nach einem finanziellen und nicht zurückzahlbaren Hilfspaket. Damit könnten die Fixkosten für eine längere Überbrückungszeit bezahlt werden. Diese Zusage kann vermutlich der Bundesrat kaum in Eigenregie beschliessen, da das Notrecht nicht mehr gilt. Die Bewilligung solcher Hilfspakete obliegt dem Parlament. Ob diese Forderung quasi im Giesskannenprinzip für eine einzelne Branche bewilligt werden wird, ist zumindest fraglich.

Von der Politik fordern die drei Branchenverbände ausserdem eine rückwirkende Kurzarbeitsentschädigung für Inhaber von AG oder GmbH, dies betrifft einen Grossteil der kleineren Reisebüros im Lande. Ebenfalls betroffen sind die Reise-KMU vom Wegfall des Erwerbsersatzes. Auch hier sind natürlich viele andere Branchen auf der Matte mit denselben Ansprüchen.

Die Covid-Notkredite, welche viele Reiseunternehmen bezogen haben, helfen für eine gewisse Zeit die Liquidität und damit die Forderungen zu begleichen. Die Kurzarbeitsentschädigung (KAE) hilft, die Löhne zu bezahlen und ist grundsätzlich eine sehr gute staatliche Unterstützung.

Wie weit das Parlament der Reisebranche eine Art Systemrelevanz gewähren wird oder kann, bleibt eine offene Frage: Wichtig wäre es, weiterhin sämtliche oder möglichst viele Parlamentarier auf die riesige Krise der Reisebranche aufmerksam zu machen oder sie zu sensibilisieren. Vielleicht nützt es, zumindest ist es mehr als einen Versuch wert.

Andernfalls droht der Branche Ende 2020 und vor allem dann auch im 2021 ein durchaus realistisches Super-Fiasko. Davon wären nicht nur die rund 900 KMU, sondern letztlich auch die grossen Reiseunternehmen betroffen. Die bis jetzt bekannten Entlassungen bei den Grossen würden bei weitem nicht ausreichen, eine weitere Welle muss befürchtet werden. Und bei den KMU kann es ohne finanzielle Hilfe zu einer Insolvenz-Katastrophe ausarten.

Die Kostenfolge dieser Arbeitsplatz-Vernichtung für den Staat beziffern die drei Verbände in einem erstellten Factsheet mit jährlich CHF 100 Mio., in einer Berechnung gehen die Verbände von 25% Konkurse mit rund 2000 Arbeitsplätzen aus. Und auch die Kunden könnten durchaus zu Schaden kommen, denn die bestehenden Garantien der Kundengeldabsicherung – vom Staat durch das Pauschalreisegesetzt PRG aufgezwungen – wären nicht in der Lage die Kundenforderungen bei Massenkonkursen zu decken.

Es steht wirklich schlimm um die Branche, eine Branche, welche mit Krisen immer umgehen konnte, aber dies wirft alles um. Während viele andere Branchen langsam wieder Business generieren können, läuft in der Reiseindustrie wenig bis nix. 80% Einbruch in diesem Jahr, mindestens, und im kommenden Jahr wird das Minus geschätzt immer noch 50% oder mehr betragen. Verständnis oder zumindest Rückendeckung hat die Branche bei der «NZZ» von heute 27. 8. erhalten, die dem Thema immerhin die Frontseite und einen Kommentar widmet.

Die Schulden, welche den Unternehmen ob dieser katastrophalen Wirtschaftsentwicklung drohen, werden die Eigenkapitaldecke mancher oder sogar aller Unternehmen spätestens 2021 vernichten. Eine Stabilisierung – durch den Staat – ist unabdingbar. Ansonsten: Quo vadis Reisebranche.

(Kommentar: Angelo Heuberger)