Feedback: Reaktionen zur Coronavirus-Krise

Aktualisiert am 20.03.2020
Die Branche erlebt wohl die bisher massivste Krise mit wirtschaftlichen Folgen, welche alle arg treffen. Da macht sich die Leserschaft von TRAVEL INSIDE grosse Sorgen und reagiert.
3-D-Modell from Coronavirus 2019-nCoV. ©Keystone Centers for Disease Control and Prevention

Maya Hagenbucher, MTI Maya Travel Inn/Music Travel International, Uitikon-Waldegg:

«Sehr geehrter Herr RA Rolf Metz, ich habe dem SRV 3 konkrete Fragen gestellt und die Antwort erhalten – ich muss mich an Sie wenden, als offizieller Rechtsberater des SRV. Meine Fragen betreffen sicher viele kleine und mittelgrosse Reisebüros. Wir sind seit Tagen gefordert. Und wir erhalten keine Antworten auf viele brisanten Fragen, die unser tägliches Arbeiten zum heutigen Zeitpunkt betreffen.

Die grossen TO geben 100% zurück. Aber wir sind nicht in der Lage die 100% der TO an unsere Kunden zurück zu geben, denn bis wir eventuell Leistungen aus irgend einem Fonds erhalten, sind wir alle schon Konkurs, wenn wir 100% der gebuchten Reisen für die nächsten Monate zurück geben müssen. Ich glaube, das sehen viele kleine oder mittelständische Reisebüro genauso.

Es würde mich freuen, von Ihnen eine konkrete Antwort zu erhalten, damit wir wissen woran wir sind. Vielen herzlichen Dank.»

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Michael Grütter, Geschäftsführer ETI Express Travel International AG:

«Für das medizinische Personal wird eine standing ovation ausgerufen… schön und gut. Klatschen wir in die Hände und Jubeln ihnen zu. Zweifellos leisten sie viel und setzen sich für unsere Gesundheit ein.

Ich frage mich nur, weshalb keine Standing Ovation auf Balkonien für die Mitarbeiter im Tourismus und den Airlines ausgerufen wird? Ist man sich denn in der breiten Öffentlichkeit nicht bewusst, was da Tag und Nacht geleistet wird? Wie da mit allen möglichen Mitteln Lösungen umgesetzt werden, um nervöse Touristen zu betreuen, zu informieren und schlussendlich zurückzubringen?

Ist eigentlich der breiten Öffentlichkeit bewusst, unter welchen Voraussetzungen diese 24-Stunden Arbeit ausgeführt wird und welchem Umgangston man sich ununterbrochen ausgesetzt sieht? Überall sprechen wir von Solidarität und Hilfsbereitschaft…. Haben Sie schon mal erlebt wie es zugeht, wenn wir versuchen für alle Gäste eine Rückholaktion zu planen? Gilt denn Solidarität nur zu Hause oder ist das grundsätzlich ein Wort, das zwar alle schreiben können aber eigentlich niemanden interessiert? Wenn man das Einkaufsverhalten beobachtet, dann gibt sich die Antwort von selbst. Hamsterkäufe verdeutlichen den solidarischen Gedanken, der in der Bevölkerung offensichtlich sehr bescheiden vertreten ist.

Neben alledem was unsere Mitarbeiter, Kolleginnen und Kollegen leisten und für das Wohl des Kunden unternehmen, werden enorme finanzielle Aufwendungen getätigt und mit den letzten verfügbaren Eigenmitteln finanziert. Ein Dankeschön, ein Schulterklopfen, ein anerkennendes Nicken erhalten wir nicht. Im Gegenteil… Die ‚Beschwerden‘ mit Rückforderungen flattern bereits täglich über unsere Tische. Nach der Krise ist vor der Krise!

Ich rufe eine Standing Ovation auf allen Balkonen der Schweiz für unsere Mitarbeiter im Tourismus und bei den Airlines aus, die sich aufopfernd um das Wohl aller Kunden kümmern!

Es lebe das Reisen.»

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Reisebüro Mittelthurgau, Weinfelden:

«Jetzt gibts Applaus für die wahren Helden! DANKESCHÖN an alle, die jetzt in Spitälern, Pflegeheimen, Lebensmittelläden etc alles am Laufen halten. DANKE für das Ansteckungsrisiko, das ihr für uns in Kauf nehmt, DANKE für die Extraschichten, die ihr leistet. Wir hoffen, dass die Wertschätzung der Gesellschaft für diese tollen Menschen über die Coronakrise hinaus erhalten bleibt und dass Leistungen wie diese fair honoriert werden. Wir grüssen die Heldinnen und Helden aus unserem Büro und aus den Homeoffices!»

 

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Bernard Kohli & Antje Krökel, Schweizer Handelsschule für Tourismus:

«Wir gehen in den Tag 5 des Unterrichts über Skype am Tourismus-KV. So ist die Schule weiterhin geöffnet, doch die Lehrer sitzen in einem fast hundert Quadratmetern grossen Raum. Ganz alleine, nur mit der Technik. Pünktlich um 08.30 Uhr starten wir mit den Vorbereitungen, Dateien werden ins Online-Tool gestellt. Auf 9.00 Uhr beginnen die Lerneinheiten mit Fokus auf die Vorbereitungen für das eidgenössische Qualifikationsverfahren (früher LAP genannt). Ob im Plenum, in kleinen Gruppen, die jungen Talente sind sehr diszipliniert. Diskussionen finden dabei nicht nur im Chat, sondern auch über die Videokonferenz statt.

Doch was sind die ersten Erkenntnisse des Live-Unterrichts? Auch wenn sich die Lernenden nur «sehen», ist die Stimmung gut und es bringt  Abwechslung ins Leben. Denn: Nur zu Hause rumhocken, ist ja keine Lösung und chillen gehen, ist ja nicht mehr im gewohnten Umfang möglich. Einzelne Lerninhalte können sogar konzentrierter als im Präsenzunterricht übermittelt werden. Und wir feiern Premiere! So sind auch Prüfungen in allen Sprachfächern im Online-Format möglich. Inklusive Listenings und Texterfassung.

Das Unterrichten ist jedenfalls technisch so machbar. Klar können wir in der kurzen Zeit noch nicht feststellen, was an Wissen auch hängen bleibt. Die ersten Prüfungen werden das im Verlauf der nächsten Tage klar aufzeigen, ob sich Schwachstellen auftun. Weil auch die Nachbarländer den Betrieb runtergefahren oder ganz eingestellt haben, können keine externen Sprachdiplome abgelegt werden. Ersatz bieten hier die klassischen, eidgenössischen Abschlussprüfungen für alle, welche die Sprachprüfungen noch nicht gemacht haben.

Wir schauen jedenfalls guten Mutes in die kommenden Wochen, auch wenn das Persönliche bei einer Schule doch so wichtig ist. Sobald wir wieder grünes Licht zum Unterrichten haben, werden wir das nachholen.»

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Nina Sahdeva, Jon Andrea Florin, Larissa Jecker, Rebecca Buser, Redaktionsteam Fair unterwegs

«Leere Hotels, Flugzeuge, geschlossene Restaurants, Skigebiete und Freizeitparks, abgesagte Sportevents und Festivals: Die Corona-Pandemie hat die Freizeit- und Tourismusbranche mit aller Wucht getroffen. Jetzt geht es darum, die UnternehmerInnen und Angestellten vor dem Ruin zu bewahren. Während hierzulande Sozialwerke und SteuerzahlerInnen einspringen können, müssen in andern Ländern die Angestellten und UnternehmerInnen den Verlust weitgehend selbst tragen. Das ist besonders krass in Gebieten, die sich stark vom Tourismus abhängig gemacht haben, wie etwa die Malediven oder Ägypten. Es sind Länder, die seit Jahrzehnten auf Tourismus als ‚Motor‘ der Entwicklung setzen, ohne dass sich die Lebenssituation der Bevölkerungsmehrheit wirklich verbessert.

Auch wenn sich dieser Wirtschaftszweig über Jahrzehnte resilient gezeigt hat: Tourismus ist ein volatiles, krisen- und modeanfälliges Geschäft. Er macht am ehesten global tätige Unternehmen reich, die Schwankungen in einer Destination durch Gewinne an einer anderen auffangen können. Anders ergeht es den Menschen in den Gegenden, die auf den Tourismus als ‚Motor der Entwicklung‘ gesetzt und dafür Landwirtschaft, Fischerei und Handwerk aufgegeben haben. Solche Monokulturen sind auf Sand gebaut.

Vielleicht bringt uns der wirtschaftliche Einbruch aufgrund der Corona-Pandemie dazu, längerfristig zu denken – auch unter Berücksichtigung möglicher Klima- und anderer Krisen. Es gilt künftig nicht mehr jeden Flughafen, jede Seilbahn und jede Schneekanone zu subventionieren, sondern dort Steuergelder aufzuwenden, wo ein umweltschonender und fairer Tourismus effektiv zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen kann.

Nach der pandemiebedingten Zwangs-Entschleunigung haben wir zwei Möglichkeiten. Entweder wir jetten erst recht ohne Grenzen in der Welt herum – wohl wissend, dass die Vielfliegerei nicht nur die Klimaerwärmung, sondern eben auch die Verbreitung von Viren beschleunigt. Oder wir nutzen das Erlebnis, wie entspannt und effizient Online-Meetings sind; wir haben die schönen Seiten einer gemächlicheren Gangart neu schätzen gelernt und nutzen das, um auch im nächsten Urlaub Genuss mit Fairness zu verbinden.

Aus unserem Homeoffice wünschen wir: Bleiben oder werden Sie gesund!»