Gastkommentar: «Alitalia ist eine ganz andere Geschichte»

Der TRAVEL INSIDE Kolumnist und Branchen-Insider Erich Witschi arbeitet für Globetrotter und betreut die Helpline.

Zitat aus meinem Kommentar im TRAVEL INSIDE vom 21. März 2019: «Lufthansa hat ebenfalls Interesse (an Alitalia) bekundet, jedoch nie ein Angebot vorgelegt. Man begnügt sich damit auf Lauerstellung zu gehen, um dann, wenn alle Stricke reissen, doch noch als weisser Ritter zu erscheinen».

Nun ist es (wieder) soweit! Der seit Jahren, nein Jahrzehnten (kein Gewinn mehr seit 2002) nur noch durch öffentliche Gelder künstlich am Leben erhaltene Nationalcarrier Italiens ist zum gefühlten 100sten Mal am Ende und kann die Mai-Gehälter für seine Mitarbeitenden nur zur Hälfte bezahlen. Die erwarteten und von der EU bewilligten 100 Mio Euro für die zweite Hälfte der Löhne sind noch nicht auf dem Konto.

Seit 2017 wird Alitalia von Administratoren verwaltet, deren Hauptaufgabe darin besteht Investoren an Bord zu locken oder anderweitig Geld zu besorgen. Nachdem Delta Air Lines, EasyJet, Trenitalia, ja sogar die Poste Italiane und private Gesellschaften Interesse bekundet hatten, ist nun die 8. Deadline innerhalb von zweieinhalb Jahren ohne wesentlichen Fortschritte verstrichen.

Damit die rund 12’000 Jobs (viel zu viele und etliche davon mit fürstlichen Gehältern) und der Nationalstolz Italiens nicht angetastet werden, hatte der Staat bereits 400 Mio überwiesen. Damit schliesst sich der Kreis und Alitalia ist wieder in der gleichen Situation wie vor zweieinhalb Jahren. Investoren sind weit und breit keine in Sicht, Rom pumpt weiterhin Millionen in ein aufgeblasenes Unternehmen und Lufthansa bekundet abermals Interesse Alitalia zu ‚führen‘ und mit Devisen zu versorgen. Niemand (ausser LH) mag jedoch den Elefanten im Raum zu erwähnen.

Bevor LH oder andere Investoren auch nur einen Euro locker machen, muss Alitalia drastisch abspecken. Dies würde eine Flottenreduzierung, Entlassungen und den Verkauf von Anteilen beinhalten. Genau das jedoch wird an vorderster Front von den Gewerkschaften bekämpft. Auch im Palazzo del Quirinale stossen diese Massnahmen auf wenig Gegenliebe. Niemand will den Schwarzen Peter übernehmen und den ersten Schritt machen.

Vor rund einem Jahr wurde an und für sich beschlossen die Sanierung von Alitalia in Angriff zu nehmen. Corona und diverse Quengeleien mit den Gewerkschaften, sowie endlose Diskussionen um Kleinigkeiten, haben dieses Vorhaben gebodigt und mit der Corona-Krise wurde die Situation in den letzten Monaten immer schlimmer. Es ist ein Teufelskreis; diesen zu durchbrechen ist indessen die einzige Rettung für Alitalia.

Lufthansa steht nun also wieder bereit, wenn auch unter harten Bedingungen, den rettenden Engel zu spielen. Der Druck auf die Administratoren, Angestellten, Gewerkschaften und vor allem auf die Regierung in Rom steigt und ist stärker denn je. Lufthansa wird Alitalia nie unter ihre Fittiche nehmen, solange der Carrier nicht um mindestens 30% schrumpft und einen vernünftigen Businessplan für die nächsten 10 Jahre vorlegen kann.

Allen, inklusive Rom und den allermeisten Italienern, sämtlichen Airline Analysten und jedem vernünftig denkenden Mensch dürfte dies klar sein. Ich befürchte jedoch, dass auch dieser neuerliche Rettungsversuch, dessen Gelingen eigentlich alle herbeiwünschen, auf Widerstand stossen wird. Ein Ende mit Schrecken anstatt ein Schrecken ohne Ende ist durchaus möglich.

Noch vor 2 Jahren hätten die Chancen besser ausgesehen. In der Zwischenzeit hat sich die Zivilluftfahrt jedoch grundlegend verändert und andere Airlines, insbesondere LCC, haben grosse Anteile des Italienischen Markts erobert. Es herrschen andere Spielregeln. Eine marode Airline wie Alitalia hat wohl auch in abgespeckter Version schlechte Chancen.

Auch die Hoffnung auf weitere Mittel aus Rom dürfte vergebens sein, da sich andere Airlines, wie z.B. Ryanair, immer vehementer gegen Direktsubventionen wehren und auch weiterhin bei der EU intervenieren werden. Somit wird auch Brüssel in Zukunft die Schrauben anziehen; das zeichnet sich bereits jetzt ab.

Lufthansa ist wohl oder übel die einzige Rettung für Alitalia und der Poker von LH könnte somit aufgehen, es sei denn ein weiterer Rettungsring taucht unversehens auf. LH braucht also nur zu warten und AZ wird ihnen irgendwann in den Schoss fallen – so oder so. Italien wird ihren nationalen Carrier niemals im Stich lassen, auch wenn sie dafür zähneknirschend AZ dem Kranich (oder in diesem Fall dem Geier) überlassen müssen.

Sollte die Reorganisation der Alitalia gelingen und die Übernahme von LH über die Bühne gehen, wäre dies für LH ein lukratives Geschäft. Italien ist eine der wichtigsten Touristendestinationen der Welt, mit jährlich rund 62 Mio internationalen Gästen (2018). LH ist sogar bereit die 50 Mio Euro Kosten für den Wechsel vom Skyteam zu Star Alliance zu übernehmen. Auch die anderen Familienmitglieder (LX, OS, SN) würden von einer Übernahme profitieren.

Ein sehr wichtiger Risikofaktor darf jedoch bei aller Euphorie nicht vernachlässigt werden: Der kulturelle Unterschied! LH hat zwar mit Austrian, Swiss und Brussels Airlines ihre Fähigkeit bewiesen andere Airlines zu ‚führen‘ – aber Alitalia ist eine ganz andere Geschichte. Nächstes Jahr um diese Zeit dürften wir alle schlauer sein. Die Spannung steigt!

(Erich Witschi)