Gastkommentar: «Where is the fucking money!?»

Der Autor Erich Witschi (60) arbeitet für Globetrotter und betreut die Helpline.
©zVg

‚…Where is the fucking money!?‘ Diese banale Frage schrie der englische Comedian Al Murray während der Bankenkrise anno 2008 ins Publikum, in dem auch zahlreiche Banker zugegen waren. Genau diese Frage stellen sich gegenwärtig auch unsere Kunden. Aber auch wir wundern uns, wo das Geld geblieben ist, welches wir in den letzten Monaten brav und vertrauensvoll den Airlines überlassen haben.

Man stelle sich das Frustpotenzial ratloser Kunden vor, die für die Reise ihres Lebens, oder auch nur für einen Städtetrip, Tausende wenn nicht gar Zehntausende von Franken, bis zu einem Jahr vor Reiseantritt, ‚abgedrückt‘ haben und jetzt, zumindest momentan, nicht sicher sind, wie viel (wenn überhaupt) sie davon jemals wieder zurück erhalten werden. Es wird zwar allen klar sein, dass niemand, aber auch gar niemand, eine solche globale Krise voraussehen konnte/wollte. Wir wurden alle auf dem falschen Fuss erwischt und können jetzt nur gemeinsam (Kunden, Reisebüros, Airlines, etc.) daran arbeiten diese Krise zu bewältigen.

Trotz allem Verständnis müssen sich die Airlines ein paar unangenehme Fragen gefallen lassen, da sie bereits kurz nach Beginn der Corona Krise, um ‚Nachsicht‘ und Staatshilfe gebeten haben, nur um uns gleichzeitig bei den Refunds den Hahn zuzudrehen. Federführend war dabei vor allem der für uns wichtigste Player, die LH Gruppe. Die restlichen Airlines (mit einigen Ausnahmen) liessen ebenfalls verlauten, dass ihnen bald das Geld ausgehen würde.  Die globale Airline Industrie hat 9 fette Jahre hinter sich. Der EBIT (Net Profit) aller Fluggesellschaften weltweit von 2010 bis 2019 betrug 219.5 Milliarden USD! Also nochmals: Wo ist das Geld geblieben?

Selbstverständlich gibt es dazu Antworten, wobei diejenigen der Airlines komplett anders tönen als die der meisten Analysten. Eine detaillierte Darlegung der Gründe, warum dieses Geld fast restlos versickert ist, würde Seiten füllen. An dieser Stelle nur so viel: In den USA wurden 96% der Geldes dazu verwendet, eigene Aktien zu kaufen (Stock Buyback) um damit ihre Investoren und zum Teil auch die Leute in den Teppichetagen (diese Positionen werden meist auch mit einem fetten Aktienpaket versüsst) sehr reich zu machen. Das sollte eigentlich bereits genügen. Dies wird wohl auch bei anderen Airlines ähnlich aussehen. Es gibt natürlich auch noch viele kleinere bis mittlere Fluggesellschaften, die sich in den letzten Jahren nur so knapp ‚durchgewurstelt‘ haben und von einem Profit meist nur träumen konnten – wir reden da nicht von einem Dutzend, sondern von Hunderten.

Das Bitten der Airlines ist bei den meisten Regierungen nun auf offene Ohren gestossen. Alleine in den USA werden die Airlines (auch die Kleinen) vorderhand mit 25 Milliarden USD ‚Lohnsubvention‘ unterstützt, 70% davon als Zuschuss (also ein Geschenk!) und 30% als Kredite. Weitere 25 Milliarden stehen als Kredite bereit. Auch die LH-Group hat eine Zusage von bis zu 10 Milliarden Euro in Krediten erhalten (verteilt auf 4 Länder). Sogar bei Emirates geht das Geld zu Ende und man verhandelt mit dem Staat, Investoren und Banken um eine Lösung. In Asien sieht es auch nicht viel besser aus. Durch die tieferen Lohnkosten wird die Liquidität etwas länger reichen als anderswo. Aber auch für Cathay, Singapore & Co. wird es eng.

Wir sind uns sicher einig, dass die ‚Bailouts‘ auch in unserem ureigensten Interesse notwendig sind, damit die Tourismus Industrie überleben kann. Ohne eine grosse und gesunde Airline Industrie ist die gesamte Reisebranche nicht überlebensfähig.

Jetzt kommt jedoch das grosse ABER: Das ganze System muss gleichzeitig komplett ändern!

  1. Airlines müssen dazu gezwungen werden, einen Teil ihres Profits ‚auf die hohe Kante‘ zu legen.
  2. Es muss zwingend eine Kundengeldabsicherung für Airline Pleiten geschaffen werden.
  3. Airlines müssen bei der gesamten Tarifstruktur wieder klare, nachvollziehbare und faire Konditionen schaffen (volle Bezahlung und Ticketausstellung nur noch bei Superpex- und z.T. bei Apex-Tarifen (diese verschwundenen Begriffe können wieder ‚reanimiert‘ werden). Das heutige System, wo sogar Fullfare-, Business- und zum Teil auch First-class Tickets kurz nach der Reservation ausgestellt werden müssen, führt schnurstracks zum gleichen Debakel wie wir es heute haben. Alle anderen Tickets werden erst 21, 14 oder 7 Tage vor Abflug ausgestellt und bezahlt. Das Geld wird vom BSP zurückgehalten und verwaltet, bis die Leistung erfolgt Es darf nicht mehr sein, dass der Kunde für die Airlines als Bank hinhalten muss!
  4. Die Tarife müssen wieder ein vernünftiges Niveau erreichen, und zwar inkl. Fuel surcharge (sollte momentan eher Fuel refund heissen…) oder sonstigen, frei erfundenen und willkürlichen Taxen.

Nur wenn Punkt 1 und 2 eingehalten und alle anderen Punkte angegangen werden, können wir voll und ganz hinter dem staatlichen Geldsegen für unsere lieben Partner stehen!